Cap Verden / Sao Vicente
20°N - 16°50'W
Wind: O 3-4

Samstag, 26. November 2005
11. Tag

Um der Genauigkeit dieses hochwertigen Tagebuchs den notwendigen Respekt zu zollen, beginne ich natürlich meinen Eintrag um null Uhr morgens. Das müßte ungefähr der Zeitpunkt gewesen sein, als Bernhard wild gestikulierend und mit einer erstaunlichen Vielfalt an Fremdsprachenbrocken einem völlig überforderten einheimischen Kiosk-Besitzer zu erklären versuchte, daß 7 Bier, 2 Pizzas und eine Flasche Martini für 20 Euro eine fürchterliche Touristen-Abzocke sei und daß es deshalb unser gutes Recht wäre, seine Barhocker zu stehlen. – Soviel zu unserem Landgang.
Nachdem das „Meister“-Stück gelungen war, die gesamte Crew wieder einzufangen und an Bord zu bringen, wandelte sich die feuchtfröhliche Stimmung allerdings schnell in koma-artige Müdigkeit. Helga erklärte sich zwar großzügigerweise dazu bereit, allein mit Daniel die erste Wache zu übernehmen, mußte dann aber schnell enttäuscht feststellen, daß nach so einem Landgang ein Skipper auch auf einer unbequemen Holzbank tief und fest schlafen kann und daß es nahezu unmöglich ist, eine alkoholisierte Wachablösung zu wecken.
Der nächste Morgen war hauptsächlich von der Spannung geprägt, ob es wohl unserem dynamischen Duo aus Skipper und Bootsmann gelingen würde, die einheimischen Behörden dazu zu bringen, unsere Abreise zu genehmigen. Während Teddy und ein weiterer Teil der Crew sich damit beschäftigten, welche Früchte man kaufen dürfe, die weder Keime noch Kakerlaken enthalten, wunderte sich Jochen, ob seine Kopfschmerzen von den drei Bier des Vortages oder von einer zu exzessiven Benutzung seiner Alien-Headlamp kamen. Als Daniel & Severin endlich zurückkamen, stellte sich heraus, daß wir 12 Stunden gewartet hatten, nur um eine Gebühr in der horrenden Höhe von 5 Euro zu bezahlen.
Zumindest konnten wir endlich gegen Mittag in See stechen und hatten einen eigentlich ganz zufriedenstellenden Segeltag. Unser semi-erfolgreiches Anglerteam führte uns anhand einer verhedderten Schnur vor, woher Sebastian jeden Morgen die Inspiration für seine Frisur nimmt, und Ivo versuchte der vegetarischen Minderheit seiner Wache beizubringen, daß man auch dann das Ruder nicht verlassen darf, wenn am Achterdeck Fische geschlachtet werden.
Während ich hier bei Laternenlicht in der hölzernen Wachstube sitze und höre, wie draußen altbayrische Weihnachtslieder gejodelt werden, muß ich überrascht feststellen, daß es auf den Wellenbergen des Atlantik genauso ist wie auf einer Berghütte im Algäu.

Ludwig


<<< vorheriger Tag | nächster Tag >>>